Der Künstler als Vorbild und Gegenpol

Über Manager und Kunstschaffende

Veröffentlicht am 30.09.2019

Im Jahresrhythmus gründen europäische Unternehmen Kunstsammlungen und positionieren sich im Kontext von Wirtschaft und Kultur; jeden Monat eröffnen Museen Ausstellungen und erscheinen weltweit Publikationen mit Werken internationaler Corporate Collections; jede Woche landen auf den Tischen der Kulturbeauftragten von Unternehmen Anfragen zu Interviews über die wachsende Bedeutung der erfolgreichen Liaison von Ökonomie und Kunst. 

Grund genug für uns als Management School St.Gallen, in diesem Kontext einen substantiellen, facettenreichen Beitrag zu liefern, der für unsere Kunden, Freunde und Kollegen einen spannenden Einblick bietet in aktuelle Diskussionen um das Verhältnis von Wirtschaft und Kultur. 

Emotion und Systematik – kein Gegensatz 

Künstler sind nicht, wie heute gelegentlich vermutet wird, von purer Emotion getrieben. Sie taugen nicht als effektvoll-exotisches Gegenbild zu einem an Effizienz und kurzfristigen Erfolgen ausgerichteten Management – im Gegenteil: wer heute Atelierbesuche macht bei Künstlerinnen und Künstlern zwischen Stockholm und Johannesburg, zwischen Peking und Los Angeles wird überrascht sein, wie unglaublich strukturiert, effektiv, vernetzt und vielseitig gebildet diese auftreten und arbeiten. Kunst und Kultur stehen wie zu keiner anderen Zeit im Fokus, sie geniessen ein Ansehen, sie haben Einfluss auf unsere Lebenswelt wie nie zuvor. Kultur ist für Der Künstler als Vorbild und Gegenpol Manager sind meist rational gesteuert, Kunstschaffende emotional, doch beide streben nach Wahrnehmung, Alleinstellung und Erfolg. Was vordergründig den Eindruck der Gegensätzlichkeit erweckt, birgt aber alle Ingredienzen des Verbindenden. Kunst kann zur Säule einer herausragenden Unternehmenskultur werden. die Ansiedlung von Unternehmen ein Standortfaktor; die Subventionierung der Kultur ist ein fester Bestandteil auch der öffentlichen Hand. Wo früher eine Handvoll Leute die Kulturämter steuerten, sind heute ganze Stäbe beschäftigt; die Städte weltweit konkurrieren mit überbordenden Kuturangeboten. 

Und das alles nicht für eine bessere Welt, sondern für eine interessantere, tolerantere, weiträumigere, offenere Welt. Dennoch taugt Kunst nicht für die Masse; früher war es der Unternehmer allein, der Kunst und Kultur vertrat (wenn er es denn tat); er übernahm kulturelle Verantwortung im Sinn der Repräsentation. Repräsentation ist auch heute noch wichtig und berechtigt (siehe die vielen Museen privater Sammler), ebenso wie ein daraus resultierender gesellschaftlicher Mehrwert. 

Kunst und Ökonomie – eine fruchtbare Liaison 

Warum gönnt die Management School St.Gallen ihrer Schriftenreihe die vorliegenden «Kunstpausen»? Kunst ist im Aufschwung; Kultur ein Standortfaktor. Kunst ist eine Facette des Big Business – aber auch dessen genaues Gegenteil. Es ist gerade die Janusköpfigkeit von Kunst, die relevant und der Diskussion wert ist. Kunst stellt sich einerseits gegen eine eindimensionale Welt rein ökonomischer Verwertbarkeit, in diesem Sinne können wir von der Kunst lernen. Aber der Kunstbetrieb ist auch die Schweinebacke der Kultur, nimmt man die Auswüchse einer durchrationalisierten, ökonomischen Verwertung von Kultur in den Blick. Dieser Balanceakt zwischen Scheitern und Reüssieren ist durchaus von Interesse; es gibt mehr Leute, die die Neue Zürcher Zeitung des Feuilletons halber kaufen als wegen der Wirtschaft – ein Kopf-an-Kopf-Rennen. 

Was auch heute gilt: Künstlerinnen und Künstler, die aus Akademien kommen, werden dennoch zu 90% nicht vom künstlerisch Erlernten leben können. Und doch: Kunst hilft noch immer, Klassenschranken zu überwinden. Unsere «Kunstpausen» wollen deshalb auch als Selbstbefragung verstanden werden, wie viel wir von dieser Welt wissen, die um uns herum Schlagzeilen macht: Fondation Vuitton und Tate Modern, Gurlitt und Beltracchi, boomende Kunstregion China und Kunst als Aktie. Die Auktionshäuser melden wie ein Aktienindizes-Ticker in einem immer schneller werden Rhythmus neue Auktionsrekorde – auf der anderen Seite gibt es in den «Niederungen» des Kunstalltags ein blühendes Kunstvereinswesen – allein 170 Kunstvereine in Deutschland, Tendenz steigend. 

Wenn Unternehmen neue Standorte in Europa eröffnen – wohl gemerkt: in einer Zeit, in welcher die industrielle Produktion teilweise schon wieder aus Asien zurück geführt wird – dann entscheiden sie mit der Investition in Kunst und Kultur an ihren Standorten auch immer über deren kulturellen Mehrwert: junge, qualifizierte Mitarbeiter gehen nicht in strukturschwache Gegenden, wo ausser Arbeit keine Lebensqualität geboten wird. Auch das ist Grund genug, dass wir uns mit den Chancen, mit geglückten Konzepten einer Liaison von Ökonomie und Kunst befassen – dass wir die Schnittmengen gestalten und moderieren. 

 

Dies ist ein Beitrag von Mac J. Rohrbach, CEO der Management School St.Gallen.

Lesern Sie die ganze Kunstpause in unserer Publikationsreihe «Denkpausen»