Was brauchen Sie von mir, um gut zu arbeiten?

Von Dr. Martina Rummel – 17. Juni 2026

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Warum die einfachste Frage der Führung kaum gestellt wird – und was passiert, wenn man sie stellt

Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Team seit Monaten. Sie haben Feedbackgespräche geführt, Ziele vereinbart, Strukturen geschaffen. Und trotzdem stimmt etwas nicht. Die Zusammenarbeit bleibt holprig, das Engagement überschaubar. Was fehlt? Möglicherweise haben Sie nie gefragt, was Ihre Mitarbeitenden eigentlich von Ihnen brauchen.

Diese Frage klingt simpel. Sie ist es auch. Und genau deshalb ist es erstaunlich, wie konsequent sie in der Führungspraxis ausgeblendet wird.

Führung ist keine Stilfrage

Viele Führungskräfte verstehen Führung als Frage des persönlichen Stils: direktiv oder kooperativ, nah oder distanziert, strukturiert oder spontan. Doch dieser Ansatz verwechselt Temperament mit Funktion. Führung ist keine Stilfrage – sie ist eine Schnittstellenaufgabe. Und an jeder Schnittstelle entscheidet der tatsächliche Bedarf, nicht die eigene Vorliebe.

Schon vor mehr als zwanzig Jahren wies der Organisationspsychologe de Vries darauf hin, dass der Führungsbedarf der Geführten der eigentliche Schlüssel zur Verbesserung von Führungsleistung ist. Wer führt, ohne zu wissen, was sein Gegenüber konkret benötigt, navigiert im Blindflug – mit dem eigenen Temperament als einzigem Kompass.

Das Problem mit dem 360-Grad-Feedback

Für genau dieses Problem hat die Organisationswelt ein Instrument entwickelt, das heute fast überall eingesetzt wird: das anonyme 360-Grad-Feedback. Die Logik scheint plausibel. Doch tatsächlich lenkt es die Energie in die falsche Richtung.

Anonyme Rückmeldungen zur Person enthalten kaum Information, die tatsächlich zu Verbesserung führt. Sie bespiegeln die Führungskraft, ohne die Führungsbeziehung zu klären. In Situationen, wo wirklicher Veränderungsbedarf besteht, erzeugen sie oft so viel Kränkung, dass eine konstruktive Bearbeitung der eigentlichen Themen kaum mehr möglich ist. Das Ergebnis: teure Reparaturprozesse statt echter Entwicklung.

Führungsbedarfsklärung als Alternative

Die Alternative ist ein denkbar einfacher, aber selten genutzter Ansatz: die direkte Bedarfsklärung. Die zentrale Frage lautet: «Was wird konkret in dieser Führungskonstellation gebraucht, damit alle optimal arbeiten können?» Und spiegelbildlich: «Was brauchen Mitarbeitende von ihrer Führungskraft – und diese umgekehrt von ihnen?»

Dieser Dialog findet nicht anonym statt. Er erfordert Vertrauen und die Bereitschaft, tatsächlich zuzuhören – und nachzusteuern. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Einschätzung der Person, sondern auf der Qualität des Führungsprozesses: Wovon brauchen wir mehr, wovon weniger, was ist anders zu gestalten?

Was auf den ersten Blick nach einer «Wünsch-dir-was»-Runde klingt, entpuppt sich in der Praxis als nüchterner, lösungsorientierter Dialog. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die anfängliche Sorge vor überzogenen Erwartungen unbegründet ist. Der Diskurs fördert stattdessen den Realismus beider Seiten – und stärkt die Führungsbeziehung.

Was die Empirie zeigt

Eine betriebsinterne Evaluationsstudie bei Boehringer Ingelheim belegt diesen Effekt empirisch. Von 221 Mitarbeitenden, die einen strukturierten Prozess der «Führung im Dialog» durchlaufen hatten, wollten 75 Prozent diesen erneut durchlaufen. 68 Prozent – Mitarbeitende wie Führungskräfte gleichermassen – berichteten von direkten positiven Nachwirkungen. Gemessen wurde die inhaltliche Qualität des Leader-Mitarbeiter-Austausches mit dem sogenannten LMX-Index, der in direkt positivem Zusammenhang mit Leistungserbringung steht.

Der eigentliche Erfolgsfaktor ist dabei schlicht: das ernsthafte Interesse der Führungskraft an steuerungsrelevanter Rückmeldung. Nicht die Methode macht den Unterschied – sondern die Haltung, mit der man in das Gespräch geht.

Die Kommunikation entneurotisieren

Dieser Ansatz hat eine weitere, weniger offensichtliche Wirkung. Er entneurotisiert die Kommunikation. Wenn Gespräche über Führung nicht mehr um Fremdbilder und Selbstbild-Abgleiche kreisen, sondern um konkrete Bedarfe und gemeinsame Ziele, werden sie sachlicher, leichter, produktiver. Menschen entwickeln sich nicht dadurch, dass sie Rückmeldungen zu ihrer Person erhalten. Sie entwickeln sich, indem sie sich bemühen, den Bedarf ihres Gegenübers wirklich zu treffen.

Führung als Schnittstelle zu verstehen – und diese Schnittstelle aktiv zu pflegen – ist eine der wirkungsvollsten, zugleich am meisten unterschätzten Führungskompetenzen. Sie erfordert keine besondere Methode. Aber sie erfordert Klarheit, Bereitschaft und die eine einfache Frage: Was brauchen Sie von mir, um gut zu arbeiten?

Vertiefung im Rahmen des St.Galler Seminars «Advanced Leadership»

Wer diese Fragen vertiefen möchte, findet in der Auseinandersetzung mit lösungsorientierter Führung im Seminar «Advanced Leadership» einen strukturierten Rahmen dafür. 

School St.Gallen am Impulstag «Talente gewinnen, binden und entwickeln». 
Aktuelle Termine, Informationen und Anmeldung: www.mssg.ch/advancedleadership

Denkpause 18 Volume II

Inspirationen zu Leadership und individueller Resilienz

Ob in den luftigen Höhen der Consulting-Welt oder in den weiten Sphären der Internet-Clouds: Geht es um Leadership, wimmelt es von schönen Wortwolken, die für die Praxis kaum gewinnbringend sind – und zumeist auch weniger inspirierend als das Titelbild dieser «Denkpausen». Mit der Edition, deren zweiter Band sich Ihnen auf den folgenden Seiten erschliesst, wollen wir Wege aus dem Nebel weisen. Dank klaren Fakten und Thesen, ergänzt mit konkreten Ratschlägen für den Führungsalltag.

Quellen

  • Dr. Martina Rummel, «Lösungsorientiert führen – den Bedarf klären», in: Denkpausen Vol. II – Inspirationen zu Leadership und individueller Resilienz, Management School St.Gallen, 2022 (S. 22–26). Mit Monika Koreng, Boehringer Ingelheim.
  • Betriebsinterne Evaluationsstudie Boehringer Ingelheim (n=221), LMX-Index (Leader-Member Exchange), zitiert in Rummel 2022.
  • de Vries (Organisationspsychologie) zur Bedeutung des Führungsbedarfs, zitiert in Rummel 2022.
  • Gallup Engagement-Index DACH (aktuelle Zahlen zu Mitarbeiterbindung und Führungsqualität) für einen möglichen Einstiegsanker.
  • Performance through people: Transforming human capital into competitive advantage. McKinsey 2023