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Viele Mittelständler stecken in einer paradoxen Lage: Ihre Stärke liegt in Verantwortung, Nähe zum Kunden und Entscheidungsgeschwindigkeit – genau jene Eigenschaften, die zentrale Steuerungssysteme ausbremsen. Zugleich braucht die Organisation gemeinsame Richtung, Standards und Ressourcen. Die Frage lautet: Wie lässt sich unternehmerische Freiheit mit kollektiver Orientierung verbinden?
Der Managementforscher John Kotter prägte die Idee des «zweiten Betriebssystems»: Neben der klassischen Linie entsteht ein agiles Netzwerk, das strategische Innovationen vorantreibt. Übertragen auf die heutige KI-Welt bleibt das Unternehmen im Kern stabil – doch daneben entsteht ein dynamisches System, in dem Datenflüsse, Entscheidungen und Experimente ineinandergreifen. Das Ergebnis: Stabilität im Zentrum, Beweglichkeit an den Rändern.
Jeder Innovationskreis agiert wie ein Beiboot – selbständig in der Navigation, aber abgestimmt auf den gemeinsamen Kurs. Auf dem Beiboot arbeiten
Menschen und KI-Agenten in klar getrennten, aber komplementären Rollen. Menschen behalten die Verantwortung für Sinn, Ethik und Entscheidung –
KI-Systeme übernehmen Analyse, Variantenbildung und Geschwindigkeit. Das Zusammenspiel erzeugt kollektive Intelligenz, die sowohl menschlich reflektiert als auch algorithmisch beschleunigt ist.
Die Metapher des «Flottenverbands» beschreibt dieses Zusammenspiel: Viele eigenständige Einheiten bewegen sich auf gemeinsamem Kurs – verbunden durch Datenräume, Plattformen und einen geteilten Purpose. Jede Einheit agiert unternehmerisch selbständig, bleibt aber Teil eines Ganzen. Governance ersetzt Hierarchie.
In dezentralen Gruppen ersetzen interne Märkte starre Hierarchien. Genau dieses Prinzip lässt sich auf KI-Ökosysteme anwenden. Agenten wie
Wissens-Scout oder Regel-Lotse bieten Leistungen – Trendanalysen, Compliance-Prüfungen, Modellberechnungen – an. Teams buchen diese Leistungen
über standardisierte Schnittstellen, bewerten Nutzen und Relevanz. So entsteht ein lernender interner Markt für Intelligenz, in dem Wert nicht durch Macht,
sondern durch Nutzen entsteht.
In dieser hybriden Struktur verändert sich die Rolle von Führung grundlegend. Führungskräfte werden zu Architekten sozial-technischer Systeme: Sie gestalten Schnittstellen, Verantwortungsräume und Feedback-Schleifen. Nicht mehr Kontrolle, sondern Kontextsteuerung wird zur Kernaufgabe. Führung
bedeutet, Dualität auszubalancieren – zwischen Stabilität und Experiment, zwischen Effizienz und Innovation, zwischen menschlicher Empathie und
algorithmischer Präzision.
Was Duale Organisationen auszeichnet, ist die Verbindung von unternehmerischer Verantwortung mit datenbasierter Intelligenz. KI-Agenten erweitern das Prinzip der Selbstorganisation, ohne es zu ersetzen. So entsteht ein lernendes System, das Verantwortung teilt, Entscheidungen beschleunigt und Innovation planbar macht – ein Modell, das dem Mittelstand Zukunftsfähigkeit sichert.
In der Praxis einer Dualen Organisation können spezialisierte KI-Agenten wie eigene Rollen in einem holakratischen oder soziokratischen Kreislauf wirken. Statt zentraler Steuerung entstehen klar definierte Verantwortungsräume, die entlang des Innovationsprozesses miteinander vernetzt sind – ein digitales Spiegelbild selbstorganisierter Kreise.
So übernimmt der Wissens-Scout (Agent 1) die Trend- und Marktforschung, erkennt Kundenbedürfnisse und liefert die Grundlage für Entscheidungen. Die Kreative Denkerin (Agent 2) öffnet den Möglichkeitsraum, erzeugt neue Konzepte und inspiriert zu ungewöhnlichen Ideen. Der Möglich-Macher (Agent 3) prüft, was davon realisierbar ist, entwickelt erste Use Cases und Prototypen. Der Regel-Lotse (Agent 4) sorgt für ethische und regulatorische Sicherheit, prüft Bio-, Umwelt- und Verbrauchernormen. Die Geschäfts-Architektin (Agent 5) formt daraus Geschäftsmodelle nach Osterwalder und Gassmann und schafft ökonomische Orientierung. Und der Synthese-Leiter (Agent 6) bündelt schließlich alle Perspektiven zu entscheidungsreifen Vorschlägen und MVP-Plänen für das Management.
Jeder Agent ist damit Teil eines soziokratischen Lernkreises – mit klarer Rolle, Verantwortungsgrenze und Rückkopplung zum Gesamtsystem. Entscheidungen entstehen dezentral, aber nach gemeinsamen Prinzipien: Transparenz, Konsent und Verantwortungsrotation. In dieser Kombination von Holakratie/S3 und KI-Rollenlogik entsteht eine Organisationsform, in der Technologie nicht ersetzt, sondern verstärkt, was Selbstorganisation möglich macht: den bewussten Umgang mit Komplexität.
Am Impulstag «Organisationen entwickeln und stabilisieren» zeigt Thomas Breitling, Experte für Organisationsentwicklung und KI-basierte Transformationsmodelle, wie Unternehmen Prinzipien von Holakratie, Soziokratie 3.0 und dualen Organisationsstrukturen mit KI-Agenten in die Praxis übertragen können.
Der Impulstag bietet Einblicke, Austausch und konkrete Anwendungsbeispiele für Führungskräfte, die ihre Organisation zukunftsfähig gestalten wollen.