Führung im Zeitalter der KI

Von Kathrin Wahl – 23. September 2026

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Warum Abwarten keine neutrale Option mehr ist

Künstliche Intelligenz entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit, die Unternehmen und Führungskräfte vor eine ungewöhnliche Situation stellt: Sie müssen Entscheidungen über eine Technologie treffen, deren Möglichkeiten und Konsequenzen selbst noch in Bewegung sind. Die Versuchung ist gross, zunächst abzuwarten. Doch Abwarten ist nicht neutral.

KI wird gleichzeitig überschätzt und unterschätzt

Die aktuelle Diskussion bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite stehen enorme Erwartungen: KI soll Produktivität sprunghaft steigern, Tätigkeiten automatisieren und Unternehmensprozesse grundlegend verändern. Auf der anderen Seite stehen Skepsis und Zurückhaltung: Man werde beobachten, wie sich die Technologie entwickelt, und später entscheiden.

Beide Haltungen können problematisch sein. Wer KI überschätzt, riskiert ungeeignete Automatisierung, falsche Erwartungen und eine unkritische Übernahme maschinell erzeugter Ergebnisse. Wer KI unterschätzt, riskiert dagegen den Verlust organisationaler Lernfähigkeit.

Denn Kompetenz entsteht nicht dadurch, eine Technologie aus der Distanz zu beobachten. Sie entsteht durch Anwendung, Erfahrung und Reflexion. Führung bedeutet ohnehin selten, erst dann zu handeln, wenn sämtliche Informationen vorhanden sind. Führung bedeutet vielmehr, unter Unsicherheit urteilsfähig zu bleiben.

Die Veränderung beginnt im Führungsalltag

Wenn über künstliche Intelligenz gesprochen wird, dominieren häufig grosse Themen: Geschäftsmodelle, Automatisierung, Produktivität, Strategie, Kosten und Wettbewerb. Die tatsächliche Veränderung beginnt jedoch oftmals wesentlich unspektakulärer.

Bei der Vorbereitung einer Sitzung. Bei einer schwierigen E-Mail. Bei der Analyse eines Dokuments. Bei der Strukturierung eines Problems. Bei der Vorbereitung eines Mitarbeitergesprächs. Oder bei der Frage, welche Argumente gegen die eigene Einschätzung sprechen könnten.

KI kann Führungskräfte bei vielen dieser Aufgaben unterstützen. Darin liegt zweifellos ein erhebliches Potenzial. Doch bereits an dieser Stelle entsteht eine neue Führungsfrage: Was delegiere ich an ein System – und was bewusst nicht?
Diese Frage wird in den kommenden Jahren wichtiger. Denn mit jeder Delegation verändert sich nicht nur die Arbeitsbelastung. Es verändern sich auch Wissen, Erfahrung und Kompetenz.

Effizienz ist nicht automatisch Wirksamkeit

Der unmittelbarste Nutzen von KI liegt im Zeitgewinn. Ein Textentwurf entsteht in Sekunden. Ein langes Dokument wird zusammengefasst. Argumente werden strukturiert. Eine Präsentation vorbereitet. Informationen werden verdichtet. Warum sollte eine Führungskraft darauf verzichten? Sie sollte es nicht. Aber sie sollte verstehen, was dabei geschieht.

Wer jeden Text durch KI formulieren lässt, spart Zeit – trainiert möglicherweise aber zunehmend weniger die Fähigkeit, eigene Gedanken präzise zu formulieren. Wer jede Entscheidung durch KI vorbereiten lässt, gewinnt Geschwindigkeit – übernimmt möglicherweise jedoch Annahmen, die nicht ausreichend hinterfragt wurden. Wer sich jedes Meeting zusammenfassen lässt, erhält perfekte Notizen – könnte aber weniger aufmerksam zuhören.

Darin liegt eines der zentralen Paradoxe der KI: Was uns kognitiv entlastet, kann uns gleichzeitig kognitiv schwächen.
Deshalb ist möglichst intensive KI-Nutzung nicht automatisch ein Zeichen hoher KI-Kompetenz. Kompetenz zeigt sich vielmehr darin, unterscheiden zu können: Wo hilft mir die Technologie? Wo benötige ich Kontrolle? Wo muss ich selbst denken? Und wo sollte ich bewusst auf KI verzichten?

DENKPAUSE

Was uns kognitiv entlastet, kann uns gleichzeitig kognitiv schwächen.

Führungskräfte müssen keine Techniker werden

Es wäre ebenso falsch, von jeder Führungskraft tiefes technisches Spezialwissen zu verlangen. Manager müssen keine KI-Modelle programmieren können. Sie müssen jedoch genügend verstehen, um die richtigen Fragen stellen zu können.
Wie zuverlässig ist ein Ergebnis? Welche Daten werden verarbeitet? Wo können Fehler oder Verzerrungen entstehen? Welche Informationen dürfen überhaupt in ein System eingegeben werden? Wie wird ein Ergebnis überprüft? Wer trägt Verantwortung? Welche Entscheidungen dürfen automatisiert werden? Und schafft die Technologie tatsächlich einen besseren Prozess – oder lediglich einen schnelleren?

Führungskräfte können technisches Spezialwissen delegieren. Die Beurteilung der Konsequenzen dürfen sie nicht delegieren. Denn diese Konsequenzen sind keine rein technischen Fragen. Sie betreffen Menschen, Organisationen, Kunden, Risiken und Verantwortung.

Verantwortung lässt sich nicht automatisieren

KI kann Informationen analysieren. Sie kann Optionen entwickeln, argumentieren und Empfehlungen formulieren. Zunehmend können KI-Systeme auch mehrstufige Aufgaben eigenständig bearbeiten.

Doch eines können Führungskräfte nicht sinnvoll an ein System delegieren: Verantwortung. Die Aussage „Die KI hat es so vorgeschlagen“ wird keine überzeugende Begründung für eine problematische Entscheidung sein.

Je leistungsfähiger KI wird, desto wichtiger wird deshalb eine Kompetenz, die keineswegs neu ist: Urteilsfähigkeit. Eine Führungskraft muss unterscheiden können zwischen einer plausibel klingenden Antwort und einer belastbaren Antwort. Sie muss Annahmen erkennen, Zusammenhänge verstehen, Widersprüche identifizieren und erkennen, wann menschliche Erfahrung, Kontext oder Abwägung unverzichtbar bleiben.

KI macht Führung daher nicht zwangsläufig einfacher. Sie kann Führung anspruchsvoller machen.
Wer oder was wird künftig geführt?

Mit KI-Agenten und zunehmend autonomen Systemen entsteht eine zusätzliche Dimension. Bislang delegierten Führungskräfte Arbeit in erster Linie an Menschen. Künftig werden Aufgaben teilweise an Systeme delegiert – oder an Teams, in denen Menschen und KI miteinander arbeiten.

Das verändert Organisation. Wer darf entscheiden? Wann muss ein Mensch eingreifen? Wie wird kontrolliert? Wie werden Kompetenzen verteilt? Wer überwacht autonome Prozesse? Wer trägt die Verantwortung bei Fehlern?
Diese Fragen werden häufig unter dem Begriff Technologie diskutiert. Im Kern sind sie jedoch Fragen des Organisationsdesigns. Wir werden deshalb möglicherweise nicht nur neue Technologien erleben, sondern neue Formen der Arbeitsteilung – und damit auch neue Führungsrollen.

Die schwierigste Transformation ist nicht technisch

Nahezu jede grosse technologische Veränderung wird zunächst als Systemfrage betrachtet. Später zeigt sich häufig, dass die schwierigeren Fragen die Menschen betreffen. KI verändert Tätigkeiten. Und wenn sich Tätigkeiten verändern, verändern sich Rollen.

Mitarbeitende, deren Aufgabe bisher vor allem darin bestand, Informationen zusammenzustellen, könnten künftig stärker dafür verantwortlich sein, Ergebnisse zu bewerten und einzuordnen. Experten erleben möglicherweise, dass Teile ihres Wissens plötzlich allgemein verfügbar erscheinen. Führungskräfte wiederum könnten feststellen, dass Informationsvorsprung als Quelle von Autorität an Bedeutung verliert.

Das kann befreiend sein. Aber es kann ebenso Verunsicherung hervorrufen. Technologische Transformation ist daher immer auch soziale Transformation. Sie verändert Status, Einfluss, Selbstverständnis, Zusammenarbeit und teilweise Machtverhältnisse.

Deshalb genügt es nicht, Mitarbeitenden ein neues Tool zur Verfügung zu stellen. Die Organisation selbst muss lernen.

Hundert Lizenzen ergeben noch keine KI-Kompetenz

Unternehmen stehen inzwischen unter erheblichem Handlungsdruck. Vorstände erwarten Projekte. Bereiche suchen Anwendungsfälle. Teams testen Tools. Anbieter versprechen Produktivität. Das erzeugt Aktivität. Aber Aktivität ist nicht automatisch Fortschritt.

Zehn Pilotprojekte ergeben keine KI-Strategie. Hundert Lizenzen ergeben keine KI-Kompetenz. Und ein neu geschaffenes AI-Team macht aus einem Unternehmen noch keine lernende Organisation.

Entscheidender ist die Fähigkeit, sinnvolle Anwendungsfelder zu erkennen, Prioritäten zu setzen, Erfahrungen auszuwerten und erfolgreiche Lösungen in der Organisation zu verankern. Diese Fähigkeit kann man nicht einfach einkaufen. Software schon. Lernfähigkeit nicht.

Nicht jedes Problem braucht KI

Zu einem reifen Umgang mit künstlicher Intelligenz gehört auch die Fähigkeit, sie nicht einzusetzen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wenn eine neue Technologie grosse Aufmerksamkeit erhält, entsteht schnell der Eindruck, jedes Problem müsse mit genau dieser Technologie gelöst werden.

Deshalb gehört zu den wichtigsten Managementfragen derzeit vielleicht eine erstaunlich einfache: Welches Problem lösen wir eigentlich?

Wenn darauf keine überzeugende Antwort existiert, benötigt man wahrscheinlich auch kein KI-Projekt. Technologische Begeisterung kann ebenso riskant sein wie technologische Ignoranz. Gute Führung erkennt nicht nur Möglichkeiten. Sie erkennt Grenzen.

MANAGEMENTFRAGE

Welches Problem lösen wir eigentlich?

Die wichtigste KI-Kompetenz ist nicht Prompting

Eine Zeit lang entstand der Eindruck, die entscheidende neue Kompetenz bestehe darin, besonders gute Prompts schreiben zu können. Prompting ist hilfreich. Aber Prompting ist keine Führungskompetenz.

Wesentlich wichtiger ist die Fähigkeit, ein Problem präzise zu formulieren, die Qualität einer Antwort einzuschätzen, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, Annahmen sichtbar zu machen, Ergebnisse kritisch zu überprüfen und technologische Möglichkeiten mit organisationalen Zielen zu verbinden.

Die eigentliche KI-Kompetenz einer Führungskraft besteht deshalb nicht darin, besonders gut mit einer Maschine kommunizieren zu können. Sie besteht darin, mit Hilfe der Maschine bessere Entscheidungen und bessere Organisationen zu ermöglichen.

Führungskräfte müssen selbst Erfahrungen sammeln

KI lässt sich nicht vollständig an Spezialisten delegieren. Wer selbst keinerlei praktische Erfahrung besitzt, wird Chancen und Grenzen nur schwer beurteilen können. Das bedeutet nicht, jede neue Anwendung ausprobieren zu müssen. Es bedeutet aber, eigene Erfahrungen aufzubauen.

Wer einmal erlebt hat, wie überzeugend eine KI eine falsche Antwort präsentieren kann, versteht die Bedeutung von Kontrolle anders. Wer erlebt hat, wie schnell sich alternative Perspektiven auf ein Problem entwickeln lassen, erkennt das Potenzial von KI als Sparringspartner. Wer selbst vor der Frage stand, welche Informationen er einem System übergeben darf, versteht Governance nicht mehr nur theoretisch.

Kompetenz entsteht aus drei Elementen: Wissen. Anwendung. Reflexion. Keine dieser drei Komponenten genügt allein.

Abwarten ist keine neutrale Option

Niemand kann heute zuverlässig sagen, welche Systeme in einigen Jahren dominieren werden, welche Anbieter bestehen bleiben, welche Tätigkeiten weitgehend automatisiert werden oder welche neuen Formen der Zusammenarbeit entstehen.
Vielleicht ist das jedoch gar nicht die wichtigste Frage. Für Führungskräfte lautet sie vielmehr: Ist unsere Organisation in der Lage, schneller zu lernen, als sich ihre Umwelt verändert?

Denn genau darum geht es letztlich. Nicht darum, jedem technologischen Trend hinterherzulaufen. Und auch nicht darum, KI möglichst umfassend einzusetzen. Es geht darum, die eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten.

Künstliche Intelligenz zwingt Führungskräfte deshalb zu etwas, das gute Führung schon immer ausgezeichnet hat: Neugier ohne Naivität. Skepsis ohne Stillstand. Entscheidungsfähigkeit trotz Unsicherheit. Und die Bereitschaft, das eigene Verständnis von Führung immer wieder zu überprüfen.

DENKPAUSE

Nicht die Frage, wie intelligent unsere Systeme werden, entscheidet über die Qualität zukünftiger Führung. Entscheidend ist, ob unsere eigene Urteilsfähigkeit mit ihnen Schritt hält.

KI-Kompetenz für Führungskräfte

Wer die Fragestellungen praktisch vertiefen möchte, findet sie auch in den vier KI-Impulstagen der St.Gallen Consulting Group wieder:

  • KI und Führung: Wie Künstliche Intelligenz Aufgaben und Anforderungen im Management verändert.
  • KI-Fitness für Führungskräfte: Von strategischer Zielsetzung und Use-Case-Priorisierung bis zur organisatorischen Verankerung.
  • KI im Führungsalltag – vom Tool zur Kompetenz: KI als Sparringspartner, Assistent und Unterstützung der täglichen Führungsarbeit.
  • KI führen. Menschen stärken.: Neue Führungsrollen, Mensch-KI-Teams, Delegation und Verantwortung.

Die Impulstage werden in Stuttgart, Hamburg und Zürich durchgeführt; weitere Termine sind für 2027 vorgesehen.

Alle KI-Impulstage auf einen Blick: www.mssg.ch/ki-programme